SIRO-A: A TECHNODELIC COMEDY

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Wie oft hat man es nicht schon gelesen: „Das ist etwas völlig Neues – etwas Noch-Nie-Dagewesenes, das man so garantiert noch nicht erlebt, gefühlt, gesehen oder geschmeckt hat…“?

Aber nicht nur die Experten in den Werbe- und PR-Abteilungen großer Markenartikler überschlagen sich, wenn es darum geht, ihre Produkte als einzigartig, bahnbrechend und unverzichtbar zu präsentieren – auch im Live-Entertainment streben die Veranstalter danach, ihre neuen Shows aus der Masse der Produktionen, die auf das potentielle Publikum niederprasselt, herauszulösen – und zeichnen sich hinsichtlich der Verwendung überschwänglicher Formulierungen und sich kontinuierlich selbst übertreffender Superlative durch nahezu grenzenlosen Ideenreichtum aus. Das kann durchaus unterhaltsam zu lesen sein, der wahre Nutzen solcher Informationen ist bei all ihrer Wortgewalt in der Regel aber eher eingeschränkt.

Aber was tut man, wenn man dann wirklich eine Show auf dem Tisch oder treffender gesagt auf der Bühne hat, die das Attribut „neu“ nicht nur verdient, sondern geradezu verlangt – und die sich aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit, ihrer Vielseitigkeit und ihres innovativen Charakters noch dazu kaum adäquat in Worte fassen lässt – zumindest nicht ohne in die oben erwähnte Sprache mit ihren schier unendlichen Steigerungsformen und Platituden zu verfallen? Lässt sich dieses Dilemma überhaupt lösen?

Geben Sie bitte jetzt nicht auf – schließlich haben Sie ja schon zwei Absätze hinter sich gebracht, ohne zu erfahren, warum wir Sie mit einer fragwürdigen Einführung behelligen, ohne auf den Punkt zu kommen. Aber Sie ahnen es bestimmt: Wir haben jetzt so eine Show, die uns umgehauen hat und nun möchten wir Sie dafür begeistern. Wenn Ihnen aber das doch alles zu viel wird – blättern Sie bitte bis zur Seite 5 vor.

Also, es geht um SIRO-A, eine Produktion aus Japan, die im August 2011 zum ersten Mal in Europa gastierte, genauer gesagt auf dem renommierten Fringe Festival in Edinburgh. Das Fringe ist das weltgrößte Künstlerfestival mit jährlich mehr als 1 Mio. Besuchern, bei dem Künstler aller Richtungen die schottische Hauptstadt in einen gigantischen Spielplatz der Künste verwandeln. Bei diesem gewaltigen (Über-)Angebot das Publikum überhaupt auf sich aufmerksam zu machen, ist allein schon eine Kunst für sich, an der in der Vergangenheit auch etablierte Produktionen gescheitert sind. Ein Newcomer hat es da ungleich schwerer, doch SIRO-A hat diese Herausforderung nicht nur mit Bravour gemeistert, sondern ist auch gleich noch mit dem „Spirit Of The Fringe“-Award 2011 ausgezeichnet worden.

 

Was also ist das Besondere an der Show? Und wie kann man es vermitteln, ohne vor dem o.g. Dilemma zu stehen?

Vielleicht nähern wir uns dem Thema besser, wenn wir sagen, was SIRO-A nicht ist: Ein DJ-Konzert, eine Tanz-Show im klassischen Sinne, Bewegungstheater und Kunst-Happening – es ist alles zusammen: Fluxus trifft auf Techno, Nam June Paik auf Darude auf Bob Fosse…

 

Beginnen wir deshalb (erst einmal) mit den harten Fakten:

SIRO-A, was auf japanisch so viel bedeutet wie „gehört zu keiner Gruppe, unmöglich zu charakterisieren“ – ein Name, wie er treffender kaum hätte sein können – ist eine Künstlergruppe, die im Oktober 2002 von sechs Studenten in Sendai gegründet wurde. Die Jungs vereinte der Wunsch, abseits der konventionellen Schauspiel- und Aktionskunst etwas Neues machen zu wollen, das sie kurzerhand und – durchaus selbstbewusst – als „die neue Generation des Entertainment“ definierten. Dafür griffen sie tief in die große Technik-Trickkiste und kombinierten Elektro-Beats mit visuellen Effekten, Bewegung, Licht, Tanz-Choreographien und Comedy-Elemente. Zwei Jahre später folgten die ersten öffentlichen Auftritte auf Festivals in Japan, kurze Zeit später auch im japanischen TV. Ihren bislang größten Live-Auftritt hatten SIRO-A als Repräsentanten ihrer Heimat vor 30.000 Zuschauern bei der Expo 2010 in Shanghai.

Dem für Deutschland geplanten Programm gingen fünf Jahre Vorbereitungen voraus, die jäh von dem Erdbeben, das Japan Anfang 2011 erschütterte, unterbrochen wurden. Dessen Epizentrum lag in Sendai, der Heimatstadt von SIRO-A, die durch das Beben Freunde und Equipment verloren, aber nicht ihren Mut und den festen Willen, das Beste aus der neuen Situation zu machen.

 

Kommen wir zur Show selbst: SIRO-A ist neu, innovativ, ziemlich abgefahren, energetisch, cool, abwechslungsreich und extrem unterhaltsam. Der Show gelingt es, elektronische Musik, deren Beat direkt in den Körper geht, visuelle Effekte – oder treffender gesagt: Illusionen – und perfekt choreographierte Bewegungsabläufe so miteinander zu verbinden, dass ein völlig neues Live-Erlebnis entsteht.

Formt sich so langsam ein Bild im Kopf? Wahrscheinlich nicht...

Noch ein Versuch: Wie sieht es mit Assoziationen bei der Formulierung „Kraftwerk auf Speed“ aus? Mehr als 40 Jahre nach der Kraftwerk-Gründung hat sich die Technik, die bei SIRO-A zum Einsatz kommt, zwar deutlich weiterentwickelt – und SIRO-A versteht es vortrefflich diesen Fortschritt zu nutzen – in ihrer Grundästhetik erinnert die Show aber durchaus an die Düsseldorfer Electronic-Pioniere.

In diesem Punkt, und nur in diesem, entspricht die SIRO A-Truppe dann auch dem Klischee des in Technik vernarrten Japaners: Was bei SIRO-A an Equipment zum Einsatz kommt ist state-of-the-art – die Art und Weise, wie es verwendet wird, geht sogar noch darüber hinaus – ohne dass die Show dabei Gefahr läuft, blutleer oder kybernetisch zu wirken.

 

Aber was passiert nun konkret auf der Bühne? Flankiert von zwei DJs an entsprechenden Pults – weiß auf weiß – und einer riesigen Projektionswand im Bühnenhintergrund agieren zwischen ein und drei der SIRO A-Künstler synchron zu Beats und Projektionen. Dabei „fangen“ die Künstler u.a. mit weißen quadratischen Tafel-Handschuhen (eine bessere Umschreibung scheint an dieser Stelle unmöglich und einen richtigen Namen gibt es für die Dinger noch nicht) Projektionen millimetergenau aus der Luft ein, formen immer wieder neue Muster und Einheiten daraus, lassen sie über die Bühne tanzen oder fliegen.

Während man noch darüber nachdenkt, wie das technisch funktioniert, ist man schon mittendrin in der nächsten Nummer, in der die Köpfe der drei Akteure von überdimensionalen weißen Zylindern verdeckt sind, die auf ihren Schultern ruhen und als Projektionsflächen – u.a. für einen „Lebenslauf“ im Schnelldurchlauf – dienen.

Immer wieder hat man das Gefühl, die Künstler hätten sich tatsächlich in die virtuelle Welt eines Videogames teleportiert, in der alles möglich ist, z. B. wenn einer der Künstler so lange virtuelle T-Shirts, bei denen ein Puma-Logo durchaus auch zu Leben erwachen kann, wechselt, bis seine inneren Organe sichtbar werden.

 

In einer anderen Szene, in der die DJ-Pults ruhen, tritt einer der Künstler vor den vorgezogenen Bühnenvorhang, schlägt einen nur projizierten Ball präzise in einem gleichbleibenden Rhythmus aus dem Blickfeld der Zuschauer und erzeugt so einen elektronischen Bass-Sound. Nach einigen Wiederholungen tritt er zurück, um seinem Schatten(!) an exakt der gleichen Position diese Aufgabe zu überlassen. Das wiederholt sich an verschiedenen Stellen der Bühne mit immer neuen Ballprojektionen, unterschiedlichen Bewegungen und Sounds und nach und nach formt sich aus Lagen einzelner Loops ein vollständiger Beat, bevor am Ende alle Schatten wieder mit dem realen Künstler verschmelzen. Mit Hilfe des Publikums wird auch live gesampelt: Aufnahmen und Geräusche eines Künstlers und der Besucher werden dabei als Klang- und optische Schnipsel in Echtzeit digitalisiert und durch den Sequenzer gejagt, bis sich daraus am Ende ein komplettes Stück geformt hat.

In einer anderen Nummer verwandeln sich die Künstler dank LED-bestückter Anzüge in eine Art „Licht-Marionetten“, die durch die Bewegung ihrer Träger, einzeln ansteuerbarer Dioden, Spiegelungen, Farbwechseln und Projektionen immer neue Formen und Effekte bilden.

 

Wer bei allen Beats, allem High-Speed und technischem Aufwand jetzt aber eine am Ende doch monotone Show befürchtet, die sich zudem primär nur an die Jünger der Techno-Gemeinde richtet, liegt falsch. SIRO-A gelingt es, immer wieder zu überraschen. Viele Szenen wirken trotz eines perfekten Timings verspielt und sind mit einem frischen, unangestrengten Humor durchsetzt. Die kontinuierlich pumpenden Beats variieren so abwechslungsreich und verbinden sich mit den unterschiedlichen visuellen Effekten und physischen Leistungen der Akteure so, dass sie die Show zwar dynamisch mit hoher Taktung vorantreiben, sich aber auch musikalisch zartbesaitete Gemüter auf den pulsierenden Rhythmus und das Tempo der Show einlassen können.

HISTORY

2002
October  Established
2004
April
 Participated “Venezia Young Art Performance 2004“
2005
March  Participated “GEISAI#’7” Won the Copper Prize.
May  Performed at “Tohoku Rakuten Golden Eagles” Ceremonial first pitch
June  Participated “La Biennale di Venezia AU exhibition”
August  Siro-A Live “A ROOM ~OVER NOISE~” @BEEB basement theater
October  Participated“Tokyo Compe#2”Received Jury “Ryohei Kondo” Award
2006
May
 Siro-A Live “A ROOM ~REMGraph~” @Sendai Mediatheque
2007
August  Siro-A Live “A ROOM ~Barcodeman~” @Sendai Mediatheque
October  Participated “France・Renne Festival”
2008
January  egular TV program “Siro-A TV”at TBC (Tohoku Broadcasting Corp)
 (Planned, directed, produced and performed by Siro-A)
April  Siro-A Live “Barcodeman Ver.B” @Sendai Mediatheque
November  Participated “Tokyo Theater FES `08” @Shinjuku Theater Apple
2009
July  Participated “TBC Summer Festival”
September  Participated “TUY ULTRAMAN Festival”
October  “Art appreciation association” @SENDAI SANOU HIGH SCHOOL
 “SIRAYURI University festival” @SENDAI SHIRAYURI Women's university
November  Participated “SAPPORO Art Stage 2009” @cube garden
December  Siro-A Live “CONNECT x CONNECT” @ZEPP SENDAI
2010
January  Participated “Basketball Japan League All-Star game”
july  Participated “TBC Summer Festival”
 Siro-A Live “Shigeki Bakuhatsu de Show” @cube garden
August  Participated “SUMMER SONIC 2010 OSAKA” Opening act
 Participated “Earth Celebration”
September  Participated “High School Festival” @TOHOKU SEIKATSU BUNKA HIGH SCHOOL
 Participated “Expo 2010 Shanghai China
November  Siro-A Live “Technodelic Comedy Show” @DAIKANYAMA UNIT / @SENDAI SHIMINKAIKAN